Wenn von Menschen mit einer Autismus-Spektrum-Störung gesprochen wird, geht man oft automatisch davon aus, dass es sich um Jungen handelt. Auch Diagnosekriterien beziehen sich häufig auf die männliche Form.

Warum?

Das früher genannte Asperger-Syndrom, heute als leichte Form der Autismus-Spektrum-Störung bekannt, wird bei Mädchen oft erst sehr spät erkannt, da die Symptome bei Mädchen häufig weniger stark ausgeprägt sind als bei Jungen. Mädchen im Autismus-Spektrum sind oft schneller darin, soziale Fähigkeiten und Fertigkeiten zu erlernen und können ihre Schwierigkeiten besser verbergen. Sie sind oft ruhiger, verhalten sich passiv und ziehen sich zurück, sind seltener aggressiv und verhalten sich angemessen. Sie ahmen das Verhalten anderer Mädchen nach, haben vereinzelt Freundschaften und gehen Hobbys nach. Dieses Verhalten wirkt auf die Außenwelt nicht störend. Selbst der mangelnde Blickkontakt wird eher auf die Schüchternheit geschoben.

Oft werden erst in der Pubertät die Unterschiede zu anderen Mädchen deutlich. Sie zeigen dann häufig altersuntypische Interessen, gehen weiterhin den Hobbys aus ihrer Kindheit nach, legen keinen Wert auf aktuelle modische Trends und sind weniger interessiert an (sexuellen) Beziehungen.

Auch in der weiteren Entwicklung können Frauen im Autismus-Spektrum häufig offener über Gefühle sprechen als Männer. Auch verfügen sie oft über eine ausdrucksstärkere Mimik und Gestik als betroffene Männer.

Jungen hingegen zeigen nicht selten störendes und untypisches Verhalten. Sie sind unruhig, zeigen aggressive Verhaltensweisen oder stören den Unterricht. Ihr Verhalten wird von Mitmenschen häufig schon früh als störend empfunden, sodass gezielte Untersuchungen oft schon wesentlich früher stattfinden.

Durch die in der Gesellschaft nicht als auffällig angesehenen Verhaltensweisen wird die Autismus-Spektrum-Störung bei Mädchen häufig erst sehr spät erkannt. Dadurch bleiben wichtige frühkindliche Fördermaßnahmen aus.

Wie oft sind Mädchen von einer Autismus-Spektrum-Störung betroffen?

Die Anzahl erfasster Diagnosen bei Mädchen stieg im Laufe der vergangenen Jahre deutlich an, wobei dies oft erst im Jugendalter erfolgte.

Aktuell gehen Fachleute von einem Verhältnis von 1:6 (Mädchen:Jungen) aus.